Wissam stellt sich vor

Wir haben Wissam, einen syrischen Flüchtling in Bad Wurzach, gefragt, was für Eindrücke er bisher gewonnen hat:

 

1) Seit wann bist Du in Bad Wurzach und wie gefällt es Dir?

 

Ich bin seit dem 25. Mai 2015 in Bad Wurzach. Ich finde es hier sehr schön und ich fühle mich willkommen. Die Stimmung wird, seitdem so viele Flüchtlinge kommen, etwas schlechter in der Bevölkerung. Die Menschen jedoch, die ich kenne, geben mir das Gefühl, dass ich ihnen nicht egal bin. Sie kümmern sich um mich. Viele von ihnen arbeiten ehrenamtlich für den Treffpunkt Asyl. Dafür bin ich sehr dankbar.

 


2) Wie ist die Wohnsituation für Flüchtlinge in Bad Wurzach?

 

Ich wohne im Moment im Salvatorhof, dort ist es sehr gut. Die Container sind sehr eng und man hat nur wenig Privatssphäre. Es wohnen dort drei Menschen in einem Raum. Es kommen aber ab und zu Deutsche vorbei und besuchen uns. Sie wollen uns helfen, was wir sehr toll finden. Ich habe das Gefühl, dass manche etwas Angst haben, uns besuchen zu kommen. Ich finde es schön, dass sie uns besuchen, da ich es als unsere Mission ansehe, in Kontakt mit Deutschen zu kommen, um ihre Kultur, Gebräuche und Gewohnheiten kennen zu lernen. Es ist leider am Anfang sehr schwer, wenn man kein Deutsch spricht, mit anderen Deutschen in Kontakt zu treten. Ich habe die Hoffnung, mir einmal in 2 Jahren eine eigene Wohnung leisten zu können.

 

 

3) Wie wichtig ist die deutsche Sprache für die Integration?

 

Sehr wichtig. Es ist der Schlüssel zu fast allem. Nur durch die Sprache kann man die Kultur verstehen, die Gewohnheiten der Menschen nachvollziehen. Ohne die Sprache ist es mir nicht möglich, mit Deutschen in Kontakt zu treten. Mir ist es sehr wichtig, dass ich mich so verhalte, dass ich höflich und gemäß der Kultur hier in Deutschland lebe. Dazu kann ich ohne die Sprache nicht zu sprechen nicht studieren oder arbeiten.

 

 

4) Besuchst Du einen Sprachkurs?

 

Am Anfang wurde uns angeboten, eine Stunde Sprachkurs in der Woche zu belegen. Das habe ich gemacht. Wir sind sehr dankbar für die ehrenamtlichen Kurse, damit wir die Sprache sprechen lernen können. Offizielle, vom deutschen Staat organisierte Kurse, dürfen wir im Moment nicht besuchen, sodass wir ohne die ehrenamtlichen Kurse nur sehr schwer Deutsch lernen können. Ich habe auch in Ravensburg einen kostenpflichtigen Kurs besucht, damit ich die Sprache besser erlernen kann. Mittlerweile besuche ich hier in Bad Wurzach 2 ehrenamtliche Deutschkurse, weil ich die Sprache schnell lernen möchte. Ich mache auch online einen kostenlosen Sprachkurs, aber dieser kann einen ehrenamtlichen Deutschkurs nicht ersetzen.

 

 

5) Wissam, was bist Du von Beruf und arbeitest Du im Moment in Deutschland?

 

Ich war früher fünf Jahre lang in einem Pharmaziekonzern als Pressesprecher tätig. Danach habe ich in einer Bank als Bankberater gearbeitet und bevor ich fliehen musste, war ich Verkaufsberater in einer Mall gewesen. Ich arbeite hier nicht in Deutschland, weil ich bislang keine Arbeitserlaubnis von der Arbeitsagentur habe. Ich möchte aber, sobald ich sie bekomme, in einer Pizzeria hier in Bad Wurzach arbeiten. Ich hoffe, ich kann bald beginnen. Aber bis die Papiere kommen, dauert es ein wenig.

 

 

6) Warum fliehen die Menschen aus Syrien?

 

Sie fliehen vor dem Krieg, der zwischen einzelnen Menschen nicht unterscheidet. Die Menschen in Syrien haben keine Aussicht. Alle Menschen, die hier sind, haben alles in ihrer Heimat verloren. Sie haben nichts mehr. Ein Freund von mir hier hätte in Syrien nur noch ein paar Wochen für seinen Doktortitel gebraucht. Jetzt ist es nicht ganz sicher, ob er ihn hier zu Ende machen kann oder noch einmal von vorne das Studieren anfangen muss. Es gibt natürlich auch welche, die nicht lesen und schreiben können und dies lernen möchten. Es sterben auch Menschen auf der Flucht.

 

 

7) Kommen viele Männer als Flüchtlinge nach Bad Wurzach?

 

Es sind fast ausschließlich Männer in Bad Wurzach, so wie im gesamten Deutschland. Solch eine Flucht birgt sehr viele Gefahren. Es fliehen nur diejenigen, die stark genug für solch eine Reise sind und das sind meistens Männer im jungen oder mittleren Alter. Für sie ist die Chance am größten, dass sie es schaffen können. Ein neu gefundener Freund hier in Bad Wurzach hat mir seine Flucht sehr humorvoll erzählt. Ich habe aber gesehen, dass er damit seinen Schmerz überspielen wollte. Uns ist es sehr wichtig, dass wir stets im Kontakt mit unseren Familien stehen, was nicht immer möglich ist. Mädchen und Frauen fliehen oft kaum. Sie müssen zu Hause zwar viele schlimme Dinge ertragen, aber die Flucht wäre viel schlimmer für sie. Es besteht die Gefahr, dass sie auf der Flucht sterben, gekidnappt oder vergewaltigt werden. In Syrien haben sie zumindest vor diesen Gefahren Schutz.

 

 

8) Was wünschst Du Dir?

 

Ich weiß es nicht. Ich möchte, dass es aufhört, dass Menschen in Syrien sterben. Ich bin hier sicher. Hier kann ich etwas machen; ich werde die deutsche Sprache lernen, ich werde einen Job finden, auch wenn es nur ein kleiner Job ist, der nicht gut bezahlt wird. Ich wünsche nichts für mich. Es gibt hier in Deutschland Menschen, die mich etwas zurückgeben lassen. Ich will mich in die Gesellschaft hier einbringen und den Menschen etwas zurückgeben. Ich habe gelernt, dass Zeit nicht alles ist im Leben. Früher habe ich vor allem im Beruf ein sehr gestresstes Leben geführt. Ich sehe vieles nun anders. Ich weiß die Zeit zu schätzen, weil ich lebe. Wir als Flüchtlinge sollten alle selbstlos sein, wenn wir uns mit den Menschen vergleichen, die jetzt in Syrien leben.

Ich möchte allen Menschen danken, die sich für uns einsetzen und uns dabei unterstützen, dass wir ein Teil der Gesellschaft werden können. Ich empfinde die Menschen hier in Bad Wurzach als sehr freundlich und offen. Sie helfen uns sehr! Danke!

 

 

Danke Dir, Wissam, für deinen Einblick!